Buchcover: Der große Bruder von Neukölln von Fadi Saad

Fadi Saad · Herder Verlag · 2008

Der große Bruder von Neukölln

Im Herbst 2008 habe ich „Der große Bruder von Neukölln“ veröffentlicht, um meine Erfahrungen und Erlebnisse mit euch zu teilen. Ich erzähle von meiner Jugend, in der ich beinahe auf die schiefe Bahn geraten wäre – und davon, wie ich meinen Freundeskreis wechselte und meine zweite Chance nutzte.

Bei meiner Arbeit im Rollbergviertel in Berlin-Neukölln lernte ich die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen kennen. Jugendliche können herausfordernd sein, aber ebenso zuverlässig, neugierig und offen. Eines haben sie gemeinsam: Sie wollen dazugehören, ernst genommen werden und Anerkennung und Wertschätzung erfahren.

In meinem Buch schildere ich meinen bewegten Lebensweg. Vor allem möchte ich zeigen, dass es sich lohnt, niemals aufzugeben – weder sich selbst noch andere.

Wie viele Jugendliche suchte auch ich nach Antworten: „Wer bin ich?“, „Wo komme ich her?“, „Ich bin Deutscher – warum glaubt mir das niemand?“ oder „Was unterscheidet Christen und Muslime?“ Je älter ich wurde, desto intensiver beschäftigten mich diese Fragen. Mit der Zeit lernte ich, meine eigene Identität besser zu verstehen.

Ehre, Stolz und Respekt sind Worte, die uns häufig begegnen. Doch was bedeuten sie eigentlich? Gerade Jugendliche verwenden sie oft, ohne ihre Bedeutung zu hinterfragen. Werden zudem Religion, Kultur und Tradition miteinander vermischt, können Missverständnisse und Konflikte entstehen. Deshalb ist es wichtig, diese Begriffe auseinanderzuhalten und offen darüber zu sprechen.

Besonders deutlich wird das bei Beleidigungen gegen die eigene Mutter. Manche Jugendliche reagieren darauf mit Wut oder Gewalt, weil sie glauben, ihre Mutter verteidigen zu müssen. Dabei übersehen sie, wie sehr sie ihre Mütter durch ihr eigenes Verhalten verletzen. Respekt zeigt sich nicht in Gewalt, sondern darin, wie wir mit anderen umgehen und Verantwortung für unser Handeln übernehmen.

Meine Erfahrungen als Dozent an Schulen waren ebenso erschütternd wie lehrreich. Ich habe Lehrerinnen erlebt, die nach dem Unterricht weinend ins Lehrerzimmer kamen. Und ich habe Schülerinnen und Schüler kennengelernt, die vor den Ferien traurig waren, weil die Schule für sie ein Ort war, an dem sie sich frei fühlten.

Schule ist weit mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. Sie ist ein Ort der Begegnung, des Vertrauens und für manche auch ein geschützter Raum. Lehrkräfte vermitteln nicht nur Unterrichtsstoff: Sie hören zu, geben Orientierung, sind Vertrauenspersonen und Vorbilder.

Dabei beschäftigt mich eine zentrale Frage: Wie können wir Missverständnisse zwischen Elternhaus und Schule überwinden und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ermöglichen? Denn dort, wo wir einander zuhören und gemeinsam Verantwortung übernehmen, können neue Perspektiven für junge Menschen entstehen.

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